Gisela Weber

*1939
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Gisela Webers Zeichen im Raum

Bevor Gisela Weber sich der Bildhauerei zuwendet, hat sie nach einer Gesellenlehre als Silberschmiedin die Meisterprüfung an der Zeichenakademie in Hanau als Goldschmiedin abgelegt und Kunsterziehung in Mainz studiert. Das Material mit handwerklicher Meisterschaft zu bearbeiten, ist für die Meisterschmiedin auch als Bildhauerin selbstverständlich. Bereits im Umgang mit Silber und Gold hat sie gelernt, die spezifische Eigenheit des Materials zu berücksichtigen, seine individuelle Kostbarkeit zu erkennen und wirken zu lassen. Ende der 1970er Jahre beginnt sie als Bildhauerin zu arbeiten. Erste Erfolge stellen sich ein; sie erhält 1982 ein Stipendium für Bildhauerei des Landes Hessen an der Cité des Arts in Paris.

Während ihres Aufenthaltes in Paris findet sie einen langen, schmalen Marmorabfall, der sie sofort ebenso fasziniert wie herausfordert und für ihr weiteres bildhauerisches Werk maßgebend sein wird. Daraus entwickelt sie ihre Stäbe, die sie selbst als "Zeichen" beschreibt. Mit ihren „Zeichen" will sie dezidiert nicht auf etwas anderes hinweisen, sondern nur verweisen auf das Material und die Form. Ihre Faszination an diesem besonderen Stein, dem Marmor, gibt sie in ihren Arbeiten an den Betrachter weiter.

Seit der Antike gehört Marmor zu den Materialien, die sich mit dreidimensionalen Meisterwerken verbinden. In der barocken Kirchenkunst ist ein Großteil des Kirchenschmucks aus diesem Stein geschaffen. Marmor und Kunst scheinen über Jahrhunderte zusammenzugehören. Umso bemerkenswerter ist es, dass Marmor in der zeitgenössischen Kunst keine bedeutende Rolle mehr spielt. Zuletzt wurde Marmor von Bildhauern, die noch vom Abbild des Menschen ausgingen, wie Henry Moore oder Alfred Hrdlicka, verwendet. Mit der Entwicklung der Bildhauerei zur abstrakten Kunst verschwindet Marmor als mögliches Material.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich Gisela Weber ausgerechnet diesem Material geradezu verschrieben hat, es in seinen Möglichkeiten und Besonderheiten erforscht und dabei aber ganz in der konkreten Kunst verankert bleibt. Ihre „Zeichen" aus Marmor sind einzigartig.

Ihre Stäbe sind außerordentlich schlank und in der Mehrzahl hoch. Die kürzesten messen etwa 30 cm, die längsten mehr als 2 Meter 50 cm in der Höhe. Der Durchmesser liegt bei nur 3,5 bis 4 cm. Sie wachsen unvermittelt aus der Ebene empor, ihre Standfläche kontrastiert in Material und Farbe, sie besteht aus unterschiedlichsten Materialien, aus Quarzit, Schiefer, Serpentin oder anderen Natursteinen, aus Holz oder aus Metall, Aluminium, Bronze und Messing. Immer ist das Material der Standfläche genau ausgesucht, doch nie geht es sichtbar mit dem Marmor eine Verbindung ein.

Es geht Gisela Weber also in erster Linie um den Stein. Ihn und seine spezifischen Eigenschaften und Möglichkeiten stellt sie in den Mittelpunkt Ihrer Überlegungen. Für den Grundriss ihrer Stelen wählt die Künstlerin mal den Kreis, mal ein Viereck. Einen Abschluss findet die Mehrzahl der Stelen in einer kopfähnlichen Verdickung, die an ein Kapitell erinnert. Im Gegensatz zum Stab, der fein geschliffen den Stein in seiner Besonderheit zum Vorschein bringt, bleibt diese kleine obere Fläche rau, wie abgebrochen von einem undefinierten Darüber. Der lange Schaft der einzelnen Skulpturen ist unterschiedlich gestaltet. Trotz aller Beschränkung der Form auf den hohen, schmalen Stab sind doch die Variationen äußerst vielgestaltig. Mal ist der Stab mit Noppen verziert, mal mit einem Ring, mal mit Einbuchtungen, Einkerbungen, mal leichte Verdickungen, mal sind es waghalsige Knicke, die das Gleichgewicht auf eine Probe zu stellen scheinen. In allen Varianten aber werden die scheinbar paradoxen Eigenschaften des Materials offenbar, die seine Faszination ausmachen. So ist es zugleich fest und hart, aber da es das Licht aufnimmt, ist es zugleich auch durchscheinend, erscheint weich fast schmelzend. Den Stein hat Gisela Weber bei keiner ihrer „Zeichen" poliert; er glänzt nicht, seine Poren sind nicht verschlossen; so wird ein Schimmern des Steins im Licht ermöglicht. Dieses Schimmern des Steins erzeugt den Eindruck von einer sanften Oberfläche, die berührt werden will. Trotz seiner kristallinen Struktur vermittelt seine quellende Farbigkeit Lebendigkeit. In der extremen Form der schmalen Stäbe wirkt der Stein ebenso stabil wie filigran und zerbrechlich. Das Ergebnis dieses Widerspruchs lässt den Betrachter der Skulptur das Abstrakte als konkret erscheinen. Die „Zeichen" Gisela Webers sind sowohl seriell als auch individuell, immer verweisen sie nur auf den Stein, der aber in seiner Widersprüchlichkeit sich zugleich dem Betrachter öffnet für dessen persönliche Assoziationen. Diese Widersprüchlichkeit wird unterstützt von der hohen Form, die an antike Stelen erinnert, die die Funktion von Landmarken hatten oder die Erinnerung an Ereignisse wie an Personen beinhaltete. Diese Offenheit des einzelnen Kunstwerks ermöglicht auch, dass die Stelen Gisela Webers sich dem Raum anpassen, in dem sie aufgestellt werden, sei es in einem Park, vor einem alten Mauerwerk, in einer nüchternen Fabrikhalle oder in einem Wohnraum. Ob einzeln und alleine oder in Gruppen oder Horden von diesen zerbrechlichen Zeichen geht immer auch etwas Widerständiges aus, das im Gedächtnis des Betrachters haften bleibt und Mut vermittelt.

In ihren Zeichnungen reizt Gisela Weber das Thema der Linie ähnlich konsequent aus wie bei ihren Stelen. Ab Mitte der 80er Jahre arbeitet sie parallel an diesen beiden Werkgruppen, wobei die Zeichnungen zu Beginn von der Gestalt der Stelen inspiriert waren. So wie sie die besondere Qualität des Materials Marmor in den Mittelpunkt ihrer Auseinandersetzung mit ihm stellt, so ist es bei den Zeichnungen der Strich selbst mit der Wachskreide, mit dem die Farbe porös und durchscheinend auf der rauen Oberfläche des dicken Papiers erscheint. Ein, zwei, maximal drei Farbtöne trägt sie auf der einen Seite des Papiers übereinander auf, knickt das Papier, die farbige Seite kommt auf die freie Seite zu liegen, um dann auf der Rückseite der farbigen Seite mit einer Punze, die sie aus der Silber- und Goldschmiedekunst kennt, das Muster der Farbstriche in Variationen, meist mit größeren Abständen, in dem weichen Papier wiederholt. Dadurch drückt sich die obere Farbschicht auf der vormals leeren Seite des Papiers durch. So entsteht eine Art von Echo von der Farbseite. Der Vorgang des Linienziehens und das Spiel mit dem Farbauftrag ergeben im Zusammenwirken Konnotationen an gewebte Teppiche. Die Linie, der Strich ist zum Faden geworden. Dieser Farbteppich wird ab den 90er Jahren anlässlich des Jugoslawienkrieges für Gisela Weber zu einem Farbraster, der ihr politische Stellungnahmen, zu denen sie sich herausgefordert fühlt, ermöglicht. Mit der Punze schreibt sie nun zum Beispiel Texte von Fernando Pessoa auf die Rückseite der Blätter, die nun wie halbvergessene Erinnerungen durch den Farbteppich erscheinen und auf der leeren Seite gleichsam verwaschen zu lesen sind.

Marion Victor

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  • 1939Geboren in Kassel
  • 1956–60Silberschmiedelehre an der Staatlichen Zeichenakademie, Hanau
  • 1966Goldschmiedemeisterin
  • 1969–81Freischaffende Künstlerin und Goldschmiedin in Schlangenbad
  • 1974–78Studium Kunst- und Werkerziehung, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
  • 1982Stipendium für Bildhauerei des Landes Hessen, Cité Internationale des Arts, Paris
  • 1983Bildhauersymposium Carrara
  • 1985Bildhauersymposium Kärnten
  • 1989Bildhauersymposium Bad Orb
  • 1990Bildhauersymposium Civitella d'Agliano
  • 1992Bildhauersymposium Eschborn
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  • 2019Gisela Weber – Heute und zurück, Ausstellungshalle Schulstraße
  • 2018Stele und Zeichnung, Galerie Rehberg, Horn
  • 2017Kunstraum Bernusstraße (mit Aloys Rump), Frankfurt
  • 2017genau dazwischen daneben anderswo, Kunstverein Bad Nauheim
  • 2012Gisela Weber, Skulpturen aus 26 Jahren, Galerie m50, Frankfurt
  • 2009Skulpturen und Arbeiten auf Papier, Galerie Rehberg, Mainz
  • 2006Galerie von Miller, Frankfurt
  • 2005Schiller, Goethe und Andere, Zeichnungen, Buchhandlung Himmelheber, Heidelberg
  • 2002Raum und Fläche, Museum Schloss Philippsruhe, Hanau; Kunsthalle am Goetheplatz, Weimar
  • 1995Schirn Kunsthalle, Frankfurt
  • 1995Kommunale Galerie im Leinwandhaus, Frankfurt
  • 1989Stadtmuseum Eschborn
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  • 202350 Jahre Galerie Rehberg, Horn
  • 2018Petersburger Hängung III, Galerie m50, Oberursel
  • 2016Petersburger Hängung II, Galerie m50, Oberursel
  • 2014Petersburger Hängung I, Galerie m50, Frankfurt
  • 2012Weiß und Schwarz, Galerie m50, Frankfurt
  • 2010Eklektik, ein städtisches Atelierhaus präsentiert sich, Frankfurt
  • 200835 Jahre Galerie Rehberg, Mainz
  • 200435 Künstler, 35 Skulpturen, 35 Galerien, Frankfurt
  • 2001Galerien in Rheinland-Pfalz (mit Galerie Rehberg), Kunstverein Ludwigshafen
  • 2000Schrift, Kunstverein Eisenturm, Mainz
  • 1998Kunst im Bethmannshof (mit Galerie Pabst), Frankfurt
  • 1996Art 96 – The London Contemporary Art Fair (mit Galerie Pabst), London
  • 1994Stadtwerker, Kommunale Galerie im Leinwandhaus, Frankfurt
  • 1990Tanzplatz der Musen, Frauenmuseum, Bonn
  • 1987–90Kunst in Frankfurt, Frankfurter Kunstverein
  • 1986Die große Kunstausstellung NRW, Museum Kunstpalast Ehrenhof, Düsseldorf
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  • Wird ergänzt
Kooperationspartner
Amt für multikulturelle Angelegenheiten
Gefördert durch
Stadt Frankfurt am Main Adolf und Luisa Haeuser Stiftung Kulturamt Frankfurt

Gisela Weber

*1939
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Gisela Weber's Signs in Space

Before turning to sculpture, Gisela Weber completed an apprenticeship as a silversmith, passed her master goldsmith examination at the Drawing Academy in Hanau, and studied art education in Mainz. Working materials with craft mastery remains second nature to her as a sculptor. Through her work with silver and gold, she learned to respect the specific character of each material, to recognise its individual preciousness and let it take effect. At the end of the 1970s she began working as a sculptor. Early successes followed; in 1982 she received a sculpture scholarship from the State of Hesse at the Cité des Arts in Paris.

During her stay in Paris she found a long, narrow marble offcut that immediately fascinated and challenged her, and would prove decisive for her subsequent sculptural work. From this she developed her rods, which she herself describes as "signs". With her "signs" she emphatically does not want to point to something else, but only to refer to the material and form themselves. She passes on her fascination with this particular stone, marble, to the viewer through her works.

Since antiquity, marble has been among the materials associated with three-dimensional masterpieces. In Baroque church art, much of the ecclesiastical decoration was created from this stone. Marble and art seemed to belong together for centuries. All the more remarkable, then, that marble no longer plays a significant role in contemporary art. Most recently, marble was used by sculptors who still worked from the human image, such as Henry Moore or Alfred Hrdlicka. With the development of sculpture toward abstract art, marble disappeared as a possible material.

It is therefore all the more astonishing that Gisela Weber has devoted herself precisely to this material, exploring its possibilities and peculiarities while remaining firmly anchored in concrete art. Her marble "signs" are unique.

Her rods are extraordinarily slender and mostly tall. The shortest measure about 30 centimetres, the longest more than 2.5 metres in height. The diameter is only 3.5 to 4 centimetres. They rise abruptly from the horizontal plane; their bases contrast in material and colour, consisting of the most varied materials—quartzite, slate, serpentine or other natural stones, wood, or metal such as aluminium, bronze and brass. The base material is always carefully chosen, yet it never visibly merges with the marble.

Gisela Weber's primary concern is thus the stone itself. She places it and its specific properties and possibilities at the centre of her considerations. For the cross-section of her steles, the artist sometimes chooses a circle, sometimes a square. Most steles terminate in a head-like thickening reminiscent of a capital. In contrast to the finely ground shaft that reveals the stone's distinctive character, this small upper surface remains rough, as if broken off from an undefined above. The long shafts of the individual sculptures are variously designed. Despite all restriction of form to the tall, narrow rod, the variations are extraordinarily diverse. Sometimes the rod is decorated with nodules, sometimes with a ring, sometimes with indentations or notches, sometimes slight thickenings, sometimes daring bends that seem to test the balance. In all variants, however, the seemingly paradoxical properties of the material become apparent—properties that constitute its fascination. It is at once solid and hard, yet because it absorbs light, it is also translucent, appearing soft, almost melting. Gisela Weber has never polished the stone in any of her "signs"; it does not shine, its pores are not sealed; thus a shimmering of the stone in light becomes possible. This shimmering creates the impression of a gentle surface that invites touch. Despite its crystalline structure, its swelling coloration conveys vitality. In the extreme form of the slender rods, the stone appears both stable and filigree, fragile. The result of this contradiction makes the abstract appear concrete to the viewer. Gisela Weber's "signs" are both serial and individual; they always refer only to the stone, which in its contradictoriness simultaneously opens itself to the viewer's personal associations. This contradictoriness is supported by the tall form, reminiscent of ancient steles that served as landmarks or preserved the memory of events and persons. This openness of the individual artwork also enables Weber's steles to adapt to whatever space they are placed in—whether a park, against old masonry, in a sober factory hall, or in a living room. Whether standing alone or in groups or hordes, these fragile signs always emanate something resistant that stays in the viewer's memory and conveys courage.

In her drawings, Gisela Weber explores the theme of the line with similar consistency to her steles. From the mid-1980s she worked on these two groups of works in parallel, with the drawings initially inspired by the form of the steles. Just as she places the particular quality of marble at the centre of her engagement with it, so in the drawings it is the stroke itself made with wax crayon, through which the colour appears porous and translucent on the rough surface of thick paper. She applies one, two, at most three colour tones on top of each other on one side of the paper, folds the paper so the coloured side comes to rest on the blank side, then on the back of the coloured side uses a punch—a tool she knows from silver and goldsmithing—to repeat the pattern of colour strokes in variations, usually with greater spacing, in the soft paper. This causes the upper layer of colour to press through onto the formerly blank side of the paper. Thus a kind of echo of the colour side emerges. The process of drawing lines and the play with colour application together produce connotations of woven carpets. The line, the stroke, has become thread. From the 1990s, prompted by the Yugoslav Wars, this colour carpet became for Gisela Weber a colour grid that enabled the political statements she felt challenged to make. With the punch she now writes, for example, texts by Fernando Pessoa on the back of the sheets, which then appear like half-forgotten memories through the colour carpet and can be read, as it were washed out, on the blank side.

Marion Victor

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  • 1939Born in Kassel
  • 1956–60Silversmith apprenticeship, State Drawing Academy, Hanau
  • 1966Master goldsmith
  • 1969–81Freelance artist and goldsmith, Schlangenbad
  • 1974–78Art education studies, Johannes Gutenberg University Mainz
  • 1982Hesse sculpture scholarship, Cité Internationale des Arts, Paris
  • 1983–92Sculpture symposia in Carrara, Carinthia, Bad Orb, Civitella d'Agliano, Eschborn
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  • 2019Gisela Weber – Today and Back, Ausstellungshalle Schulstraße
  • 2018Stele and Drawing, Galerie Rehberg, Horn
  • 2017Kunstraum Bernusstraße (with Aloys Rump), Frankfurt
  • 2012Sculptures from 26 Years, Galerie m50, Frankfurt
  • 2002Space and Surface, Museum Schloss Philippsruhe, Hanau
  • 1995Schirn Kunsthalle, Frankfurt
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  • 202350 Years Galerie Rehberg, Horn
  • 2014–18Petersburger Hängung I–III, Galerie m50, Frankfurt/Oberursel
  • 200435 Artists, 35 Sculptures, 35 Galleries, Frankfurt
  • 1996Art 96 – The London Contemporary Art Fair
  • 1990Dance Floor of the Muses, Frauenmuseum, Bonn
  • 1986Die große Kunstausstellung NRW, Museum Kunstpalast, Düsseldorf
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  • To be added