Martina Kügler
Martina Kügler war Ausnahmekünstlerin und Multitalent. In ihren 72 Lebensjahren schuf sie tausende Gemälde, Zeichnungen, Collagen und Radierungen, und schrieb – nebenbei - ebenso viele Gedichte. Ihr Blick auf die menschliche Natur war direkt, ungeschönt und gleichzeitig voller Rätsel. Ihr künstlerisches Talent, verbunden mit einer hochklassigen Ausbildung, verlieh ihr die Möglichkeiten, diesem Blick einen sichtbaren Ausdruck zu verleihen.
1945 wurde Martina Kügler in Schlesien geboren, der Krieg war gerade zu Ende, und kurz darauf kam sie als Kleinkind in den Nachkriegswirren mit der Mutter nach Frankfurt. Sie wollte Malerin werden, das wusste sie schon früh. In Frankfurt lernte sie zuerst den Beruf der Farb-Lithografin und studierte dann freie Malerei an der Städelschule. Ihre Lehrer waren Johann Georg Geyger und Karl Bohrmann; vor allem in letzterem fand sie ein Vorbild und einen engagierten Förderer.
1972 war ihre Ausbildung zu Ende, und sie begann ihre künstlerische Karriere in den bewegten 1970er Jahren, geprägt von rebellischem Geist, Frauen-Emanzipation und sexueller Freizügigkeit. Ironie und Satire dieser Zeit prägen ihre Arbeiten, aber auch Erotik und existenzielles Ringen um Identität. So war sie schon bald nach Abschluss des Studiums an einem international beachteten und bis heute legendären Ausstellungsprojekt beteiligt. Die von Harald Szeemann kuratierte Ausstellung Die Junggesellenmaschinen – les machines célibataires wurde von Juli 1975 bis Februar 1977 an neun prominenten Orten in Europa gezeigt, unter anderem in der Kunsthalle Bern, im Stedelijk Museum Amsterdam und auf der Biennale in Venedig. Die Ausstellung reflektierte Zusammenhänge von gesellschaftlichen Machtverhältnissen, Technisierung der Lebenswelt und Sexualität. Martina Kügler war vertreten mit einer Zeichnung voller erotisch aufgeladener Wildheit und hermaphroditischer Gender-Verwirrung.
Zur gleichen Zeit zeigte der Kunstraum München Küglers erste Einzelausstellung. Zu sehen waren 40 ruhige, fast kontemplative Zeichnungen, die nur scheinbar im Kontrast zu dem wilden Blatt bei den Junggesellenmaschinen stehen. In diesen frühen Blättern offenbart sich Küglers einzigartiger Stil, der auch die späteren Arbeiten prägt. Das zeichnerische Werk, das den Kern ihres Oeuvres bildet, ist dominiert von der Linie. Der Strich, mal scharf und glatt, manchmal ruckelig sich vorwärts tastend, bleibt stets ohne Korrekturen, wird immer sicher und souverän aufs Blatt gebracht. Mit dem Bleistift oder der Tuschefeder markiert Kügler Figuren, die allein in der Kontur lebendig werden, ohne Hintergrund, ohne Perspektive, ohne schmückendes Beiwerk. Nur selten erzeugen Schraffuren einen Eindruck von Plastizität oder Räumlichkeit.
Was Kügler zeigt, ist kein Abbild der sichtbaren Wirklichkeit, sondern eine Introspektion auf menschliche Befindlichkeit in vielfältigen Ausprägungen. Die Figuren in Küglers Zeichnungen treten mal allein auf, mal zu zweit oder in Gruppen, manchmal seltsam verrenkt, ineinander verschlungen oder miteinander vereint – mal als Männer, mal als Frauen, mal wie Zwischenwesen, männlich, weiblich, hermaphroditisch, manchmal mit tierischen Anteilen wie angedeuteten Hasenohren, Federn oder Schnäbeln. In ihrer reduzierten grafischen Form verkörpern sie eine Essenz des Lebendigen.
Oft sehen wir diese Wesen in einem Miteinander, ineinander verwoben, lustvoll aufeinander bezogen – in anderen Zeichnungen begegnen uns Subjekte ohne Beziehung, allein mit sich und den Widrigkeiten ihres Daseins, die Konturen ausgefranst, mit verzerrten Gesichtern und hilflos rudernden Gliedmaßen.
Meist sind die Figuren nackt. Körper und Sexualität sind in Martina Küglers Bildern und Zeichnungen stets präsent. Und dabei findet sie ihren ganz eigenen Weg. Wir sehen in Küglers Zeichnungen ekstatische Sexualität, die ans Pornografische grenzt, aber auch Figuren, die männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale in einem Körper vereinen und dies in lässiger Selbstverständlichkeit zu sehen geben. Geschlechtlichkeit wird in einem übergreifenden, universellen Sinn adressiert. Was im 21. Jahrhundert unter dem Stichwort „Gender-Debatte" einen theoretischen Überbau bekommt, findet bei Kügler schon in den 1970er und 1980er Jahren einen bildlichen Ausdruck: Das Geschlecht als flüchtige Kategorie, geformt durch Diskurs und Zuschreibung, ambivalent und zuweilen austauschbar.
Wer genau hinschaut, erkennt Küglers Verwurzelung in der Kunstgeschichte. Erst der zweite oder dritte Blick offenbart, dass zart gezeichnete zweigeschlechtliche Figuren posieren wie eine griechische Venus oder lagern wie die antike Skulptur des jugendlichen Hermaphroditen. In rätselhafter Gruppierung gezeichnete Nackte rufen Motive aus Renaissance-Gemälden ins Gedächtnis. Der Sündenfall im Paradies, Marias Verkündigung durch den Erzengel oder die meditative Beschaulichkeit eines Vermeer-Gemäldes werden mit Küglers einfachen, gekonnten Bleistiftstrichen ironisch verfremdet und zuweilen ad absurdum geführt.
Vielfach präsent ist Küglers Inspiration Paul Klee, den sie als Künstler verehrte. Dies zeigt sich vor allem in den pfiffig hingeworfenen, aufs Wesentliche reduzierten Zeichnungen, aber auch in einigen abstrakten malerischen Experimenten mit geometrisch angeordneten Farbfeldern.
In der Malerei bleibt Martina Kügler ihrer Vorliebe für die Figuration treu, präsentiert verrätselte menschliche Gestalten, die denen in den Zeichnungen ähneln, genauso wie knallbunte fröhliche Fabelwesen. Aber auch Ausflüge in die Abstraktion finden sich hier – häufiger als in den grafischen Arbeiten. So entstehen zum Beispiel in den 1980er Jahren mehrere Serien von farblich reduzierten Bildern in Schwarz, Weiß und Brauntönen, die an die Ornamentik afrikanischer Textilien erinnern. Zur Perfektion gelangen diese Experimente in den 1990er Jahren in einer Folge von Arbeiten mit dem erdigen orange-braunen Pigment „Terra di Pozzuoli" – von ihr selbst salopp als „Terrapozzoli" betitelt. Auf schwarz grundierten großformatigen Leinwänden entfalten sich präzise konturierte Flächen dieses Farbtons, die – ohne farbliche Abstufungen – allein durch die amorphen Formen und die Strahlkraft des Pigments eine dynamische Lebendigkeit entfalten und dabei an organisch-abstrakte Formen Hans Arps ebenso erinnern wie an die Klarheit der farbintensiven Scherenschnitte von Henri Matisse. Martina Kügler hat ihren Arbeiten nur selten Namen gegeben, aber gerade in dieser „Terrapozzoli"-Serie sind fast alle Gemälde betitelt, und die Titel dieser abstrakten Bilder führen uns in eine surreale Traumwelt. „Taumelnde Flugzeugflöte", „Wetteifern um Launen" oder „Des Himmelskellners Flügelschlag", heißen die Bilder. Hier verbindet sich Martina Küglers Malerei mit ihrer Poesie, der sie in zahlreichen Gedichten Ausdruck verlieh. Eines davon hat sie in eine Zeichnung mit dem Titel „Frühling" integriert. Eine wilde, bunte Figur hält darin ein Blatt Papier in der Hand, auf dem in winzigen Buchstaben steht:
Ein scheuer Tag trifft meine Wege
ich tanke Luft bis das ich schwebe
ich strebe hin zu Schrebergärten
in denen läßt sich liebevoll leben
ich schaue auf das klare Blumenstreben
die Zeit hält still wie das im Weben
der klare Himmel siegt
die Blumen wanken auf den Dämmerungstangen
eine taumelnd bunte Welt die nie zerbricht
unter dem starken Sockelschuh eines TaugenichtsMartina Kügler, 18.3.1979